Read Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? by Gerhard Wettig Online

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Bereitschaft zu Einheit in Freiheit...

Title : Bereitschaft zu Einheit in Freiheit?
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ISBN : 3789280208
ISBN13 : 978-3789280207
Format Type : Kindle Edition
Language : Deutsch
Publisher : Olzog 1999
Number of Pages : 330 Seiten
File Size : 598 KB
Status : Available For Download
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Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Reviews

  • Juergen Lang
    2018-10-27 21:10

    Es gehört wohl zu den Eigentümlichkeiten des Menschen, daß manche Kontroversen auch dann noch fortleben, wenn eigentlich alles entschieden ist und keiner der Kontrahenten mehr etwas dazu beitragen bräuchte. Es ist die Lust am „Was wäre, wenn...?", die unsere Aufmerksamkeit erregt, uns anfällig macht für „Sensationen", selbst dann, wenn deren Wahrscheinlichkeit ob geschichtlicher Tatsachen gegen Null tendiert. Eine historische Phantasie hielt sich besonders hartnäckig in den Köpfen: Was wäre geschehen, hätte der Westen auf Stalins berühmte Note vom 10. März 1952 ernst- und angegenommen? Hätte dies Deutschland Jahrzehnte der Teilung erspart und schon frühzeitig Demokratie in allen Besatzungszonen beschert? Im März 1994 erschien im Berliner Rowohlt-Verlag ein Buch, in dem der Essener Geschichtswissenschaftler Wilfried Loth mit der „sensationellen" Behauptung und den dazugehörigen Belegen aufwartete, Stalin habe nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden gar keinen sozialistischen Staat etablieren wollen, sondern eine parlamentarische Demokratie im ganzen Land. Die DDR sei insofern ein „ungeliebtes Kind" des Sowjet-Führers gewesen.Damit hatte Loth die Phantasien trefflich beflügelt; doch der Widerspruch derjenigen, die das erregende Szenario einer verpaßten Chance für ein Trugbild hielten, kam prompt und entschieden. Zum schärfsten Kritiker Loths geriet Gerhard Wettig, bis 1999 leitender Historiker am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln. Er vertritt schon seit Anfang der 70er Jahre die Gegenposition: Die Politik Stalins habe niemals auf ein ungeteiltes und zugleich demokratisches Deutschland gezielt. Auch Wettigs jüngste Veröffentlichung zu dem Thema untermauert dies. Sie gibt Loths These offensiv kontra, was sich nicht zuletzt darin zeigt, daß die historische Analyse der sowjetischen Deutschlandpolitik von 1945 bis 1955 im letzten Kapitel in eine Art Forschungsstand mündet, in dem Wettig die einzelnen Auffassungen kritisch würdigt und die eigene noch einmal positioniert. Erst im Anschluß faßt er zusammen. Wettig hat dennoch mehr geliefert als ein bloßes Resümee seiner zuvor veröffentlichten Argumente.Im Unterschied zu Loths Buch stützt sich seine Studie auch auf Bestände des Archivs des russischen Außenministeriums, des ehemaligen Parteiarchivs der KPdSU und des Staatsarchivs der russischen Föderation. Daneben problematisiert er die - begrenzte - Aussagekraft der DDR-Quellen, die sein Essener Kollege vornehmlich herangezogen hatte. In ihnen nämlich hätten sich die politischen Absichten des Kreml nur bedingt niedergeschlagen. „Das KPD/SED-Regime konnte, ungeachtet enger politischer und ideologischer Bindung an Moskau, das sowjetische Vorgehen nachweislich oft nicht adäquat einordnen, wenn konkrete Erläuterungen ausblieben" (S. 27). Ost-Berlin war nach Wettigs Erkenntnissen zu sehr Marionette Moskaus, als daß die Führung der KPD/SED ihre Nebenrolle im politischen Geschehen vor den Deutschen hätte eingestehen können. Und selbst wenn Walter Ulbricht, Otto Grotewohl oder Loths Hauptgewährsmann Wilhelm Pieck dies gewollt hätten: Über die Intentionen Stalins waren sie zumeist schlicht nicht im Bilde und mußten sich einen eigenen Reim auf dessen Direktiven machen. In den Dokumenten der SBZ/DDR habe sich aus diesem Grund die verklärte Sichtweise der SED niedergeschlagen, die, historisch verzerrend, das eigene, autarke Handeln hervorhob, drapiert mit irreführender deutschlandpolitischer Propaganda.Damit hat Wettig der Schlußfolgerung Loths den Boden entzogen, die DDR sei hauptsächlich Produkt des revolutionären Eifers eines Walter Ulbricht gewesen, den Stalin nicht entscheidend zu bremsen vermochte. Inwieweit ist es nun zulässig, die sowjetische Deutschlandpolitik dieser Jahre, wie Wettig es tut, stark auf Stalin als nahezu einzigen Akteur und Entscheidungsträger zu kaprizieren? Die Moskauer Archivalien zeugten von der rigorosen Machthierarchie in der Sowjetunion. Je weiter die Einschätzungen zur Lage in Deutschland an die Spitze gelangt seien, desto mehr hätten sich die Berichterstatter den von Stalin vorgegebenen Richtlinien angepaßt. „Erst nach dem Tod des Kremlführers [im Jahre 1953], der anscheinend bis zuletzt an den sich zwar verzögernden, aber doch absehbaren Sieg in Deutschland glaubte, wurden grundsätzliche Zweifel zulässig" (S. 313). Der Versuch Moskaus, gegen den Widerstand der Westmächte ein sozialistisches Deutschland zu etablieren, kulminierte in der Berlin-Blockade 1948. In diesem Ereignis sieht Wettig den Ausdruck einer aggressiven Politik, die die Vereinnahmung ganz Deutschlands zum Ziel hatte. Die Isolierung West-Berlins sollte die USA, Großbritannien und Frankreich zum Verzicht auf die Gründung eines Teilstaates in ihren Besatzungszonen nötigen. Erst als diese konfrontative Strategie scheiterte, verwirklichte die Sowjetunion mit der Staatsgründung im Osten die zweitbeste Option - die DDR als „Gegenstaat", „Modellstaat" mit gesamtdeutschem Anspruch und fürderhin Instrument der Deutschlandpolitik Moskaus, nicht aber als ein eigenständiges Artefakt der SED.Die Note vom 10. März 1952 bildet für Wettig - abweichend von seinen früheren Veröffentlichungen - den Auftakt zu einer verschärften Separationspolitik in der DDR und zeugt davon, daß Stalin zu diesem Zeitpunkt von der anfänglichen Erwartung Abstand genommen hat, West-Deutschland schnell seinem Machtbereich einverleiben zu können. Nach dem Fehlschlag der Berlin-Blockade konzentrierte die Sowjetunion ihre Bemühungen darauf, die Bürger in der jungen Bundesrepublik zu beeinflussen und dort eine „Massenbewegung" (Andrej Gromyko) gegen die Regierung Adenauer und für die Vereinigung mit der DDR auf die Beine zu stellen. Dies war nach Wettigs Ergebnissen die ausschließliche Funktion der „Stalin-Note", obwohl sie sich offiziell an die Adresse der Westmächte gerichtet hatte. Keinesfalls sei es Moskau dabei um demokratische Zugeständnisse oder gar die Preisgabe der DDR, sondern allein darum gegangen, doch noch „eine ,antifaschistisch-demokratische Ordnung' nach dem Vorbild der DDR auch in der Bundesrepublik" (S. 226) einführen zu können. Daß auch diese Strategie scheiterte, führt der Autor vor allem auf die Autosuggestion und ideologisch bedingte Blindheit Stalins und seiner Handlanger gegenüber der Realität zurück. Darin habe zwar der Grund für den Mißerfolg der damaligen sowjetischen Deutschlandpolitik gelegen; es ändere aber nichts an der Erkenntnis, daß Stalin grundsätzlich am Ziel der deutschen Einheit unter kommunistischen Vorzeichen festgehalten hat. Die westdeutsche Arbeiterklasse hatte er dogmenkonform aufwiegeln wollen; gerade die aber war für Wiedervereinigungsparolen aus dem Osten wenig empfänglich - und auch nicht für das Gesellschaftsmodell der DDR.Wettig ist es gelungen, den sowjetischen Offerten auf den Grund zu gehen, von denen Loth sich hatte blenden lassen. Von „Demokratie" war zwar die Rede, aber gemeint eine Volksherrschaft, „die mit der Herrschaft der kommunistischen Partei gleichbedeutend war." (S. 298) Daneben hätten die „Bekenntnisse zu ,nationalen' Zielen ausdrücklich die Funktion von Instrumenten des ,Klassenkampfes'" (S. 297) gehabt. Und genau in diesem Punkt liegt der schwerste Vorwurf Wettigs gegen Loth und dessen Blauäugigkeit gegenüber dem Sprachgebrauch der politischen Führungen in der Sowjetunion und in Ostdeutschland.