Read Amerika Tag und Nacht: Reisetagebuch 1947 by Simone de Beauvoir Online

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Eine gl nzende, intime Reportage ber das geistige Amerika Eine Reise durch den gewaltigen Kontinent, kreuz und quer, im Pullman, im Greyhound, im Flugzeug, im Auto, hat die ber hmte franz sische Autorin Simone de Beauvoir gerade mit der Schicht des amerikanischen Volks in Gespr ch und Verbindung gebracht, von der wir wenig h ren, n mlich der amerikanischen Intelligenz Vor anderen Amerikab chern zeichnet sich das Buch daher aus, weil hier einmal nicht der Primat der Politik, Wirtschaft oder Technik gefeiert, nicht die Schlagwortwelt der Trapper, der letzten Indianer, der Hollywoodstars und lmagnaten aufgetischt wird, sondern weil eine berzeugte europ ische Individualistin freim tig mit Journalisten, Gelehrten, K nstlern und Studenten Probleme der Neuen und Alten Welt diskutiert....

Title : Amerika Tag und Nacht: Reisetagebuch 1947
Author :
Rating :
ISBN : 3499122065
ISBN13 : 978-3499122064
Format Type : E-Book
Language : Deutsch
Publisher : Rowohlt Auflage 1 Januar 1988
Number of Pages : 374 Seiten
File Size : 777 KB
Status : Available For Download
Last checked : 21 Minutes ago!

Amerika Tag und Nacht: Reisetagebuch 1947 Reviews

  • Konsument
    2019-04-14 00:46

    Natürlich ändert sich über die Jahrzehnte auch die Sprache und die Art zu schreiben, aber die "BE"-schreibung hätte mit mehr Aussagekraft haben können.

  • Baumann Claudine
    2019-04-14 01:58

    Zeitgeschichtlich interessantes Buch,es hätte heute geschrieben sein können. Die Uebersetzung sollte allenfalls überholt werden und das lästige,unzeitgemässe "Neger" durch Afro Amerikaner o.ä. ersetzt werden.

  • Gunthard Heller
    2019-04-23 18:39

    Anfang 1947 reiste Simone de Beauvoir vier Monate lang durch die USA. Ihren Bericht legte sie in Tagebuchform vor, den sie allerdings nachträglich auf der Basis von Notizen, Briefen und Erinnerungen erstellte.Sie war sehr angetan von der "menschlichen Wärme" der Amerikaner (S. 31). Sie schätzte die Leichtigkeit der Kontaktaufnahme und den Willen zum Zuhören. Trotzdem seien die Amerikaner einsam und würden sich langweilen. Charakteristisch sei der Wille zum Aufzwingen des Guten. Doch als Beauvoir New Yorks Schwarzenviertel Harlem besuchte, wurde ihr klar, daß "Gutmütigkeit, Wohlwollen und Freundschaft" der weißen Amerikaner nur bis zur Grenze dieses Viertels reichten. Denn dessen Bewohner seien weder ausgehungert noch eine Bedrohung gewesen: "Die unsinnige Furcht, die sie auslösen, kann nur die Kehrseite eines Hasses und einer Art von Gewissensbissen sein" (S. 39).Auch in Texas stieß ihr die Diskriminierung der Schwarzen auf: In den restrooms eines Bahnhofs waren die Toiletten für Schwarze und Weiße getrennt. Während die Weißen in einer großen Halle warteten, hatten die Schwarzen nur einen kleinen Verschlag. Das Restaurant für Weiße war geräumig, das für Schwarze konnte nur vier Gäste aufnehmen. "Zum erstenmal sehen wir mit eigenen Augen diese scharfe Trennung, von der wir bisher nur gehört hatten ' und so gut wir auch darauf vorbereitet waren: etwas fällt wie eine Last auf unsere Schultern, es wird uns während unserer ganzen Reise durch den Süden nicht mehr verlassen. Unsere eigene Haut ist schwer und drückend geworden und ihre Farbe verbrennt uns" (S. 199).Da die Schwarzen für ihren Kriegsdienst keine Gegenleistung bekamen, solidarisierten sie sich und neigten zum Aufstand; "die Weißen fürchten, daß die Schwarzen gewisse Rechte fordern könnten und behandeln sie noch anmaßender als zuvor. Die Neger suchen jede Gelegenheit, um sich für diese Unterdrückung zu rächen. Wenn ein Weißer für ein Dinner einen schwarzen Koch oder Diener engagiert, so springen diese, nachdem sie zuvor in aller Form zugesagt haben, im letzten Augenblick ab ' und wie durch einen teuflischen Zufall findet sich kein Mensch, sie zu ersetzen: an einem solchen Abend sind alle schwarzen Köche und Diener beschäftigt" (S. 211). Die Schwarzen bekämen sogar Probleme, wenn sie einen Weißen an ihrem Tisch mitessen ließen, erzählte ein französischer Bekannter von Beauvoir.An den Bushaltestellen in Louisiana gab es für Schwarze häufig kein Wartehäuschen. Sie warteten "draußen ' manchmal auf Bänken, gewöhnlich aber stehend ' bis die Herrenrasse im Bus Platz genommen hat. Vier oder acht Plätze sind für sie auf der hintersten Bank reserviert. ['] Die Weißen bleiben selbstverständlich lieber stehen, als daß sie sich neben die Neger setzen würden, falls dort ein Platz frei sein sollte." In den rest rooms der Omnibusstationen waren die Schwarzen "in fensterlosen Räumen zusammengepfercht" (S. 213). In New Orleans durften schwarze Taxifahrer keine weißen Fahrgäste befördern.Beauvoir faßte ausführlich das Buch "An American Dilemma" von Gunnar Myrdal zusammen (S. 229-240), da ein Franzose sie darum bat, nichts über die Diskriminierung der Schwarzen zu schreiben; denn innerhalb dreier Monate könne sie davon nichts verstehen. Myrdal untersuchte das Problem 1938-1942. Er kam zum Ergebnis, daß die verfassungswidrige Einstellung der Weißen das eigentliche Problem darstelle, die aus der Rassendiskriminierung ökonomischen Gewinn zogen. (Besonders in den Schlachthäusern von Chicago wurden sie als Streikbrecher ausgenutzt.)Beauvoir stößt sich daran, daß in der Vergangenheit regelmäßig die Unterdrücker die Unterdrückten beschuldigten, und zwar nicht nur die Schwarzen, sondern auch Araber, Indochinesen, Inder, Indianer und Arbeiter. "'Faulheit' bedeutet, daß die Arbeit für den, der den Profit aus ihr zieht, nicht das gleiche ist wie für den, der sie verrichten muß" (S. 233).Die Doppelmoral der Weißen sah man daran, daß sie mit schwarzen Frauen schliefen und Kinder zeugten. Während sie unerschütterlich an der Unabhängigkeitserklärung festhielten, die "das Recht auf Menschenwürde, die absolute Gleichheit der Menschen und gewisse unabdingbare Rechte auf Freiheit, Gerechtigkeit und konkrete Erfolgsaussichten" vorsah, gab keiner "vor, daß die Schwarzen den Weißen in den Lebensbedingungen und Erfolgsaussichten gleichgestellt sind" (S. 230).Eine ähnliche Doppelmoral stellte Beauvoir beim Publikum einer Stripteasevorstellung in New Orleans fest. So schrieb sie über eine schöne und anziehende Nackttänzerin: "Je mehr sie sich entkleidet, um so reservierter werden die Gesichter; sie drücken eine gemäßigte, höfliche, beinahe gelangweilte Neugier aus. Als sie ihren Slip fallen läßt und nichts mehr als ein Pailetten-Dreieck an einem Seidenschnürchen trägt, ist die Atmosphäre so moralgeschwängert, daß man meint, am Sonntagvormittag in der Kirche zu sein" (S. 222). In Chicago war es dasselbe: Das Publikum sei eingebildet und hochnäsig (anstatt sich naiv am schönen Körper zu freuen).Zum Schluß noch eine gute Nachricht: "Selbstverständlich kennen die liberalen Intellektuellen überhaupt keine Diskriminierung" (S. 268). Im Norden war es unvergleichlich besser als im Süden: Beauvoir konnte sogar mit einem Schwarzen spazierengehen. Im Staatsgefängnis in Chicago schliefen weiße und schwarze Gefangene im selben Raum; nur in der Frauenabteilung waren sie getrennt untergebracht.Der Antisemitismus war verbreitet, besonders an Universitäten. Die Einstellung von Juden und Nichtjuden gegenüber Schwarzen sei gleich. Auch die Schwarzen seien antisemitisch eingestellt, "weil viele Weiße, mit denen sie zu tun haben - Hausbesitzer, Kaufleute -, Juden sind" (S. 313).Über allem stehe die in Willkür ausgeartete, sinnentleerte Freiheit, was zu folgender Absurdität führen könne: Einem Juden werde der Eintritt ins Schwimmbad verwehrt, eine Zeitung drucke seinen entrüsteten Leserbrief ab, ebenso die Leserbriefe seiner Anhänger und Gegner. "So hat also jeder von seiner Freiheit Gebrauch machen können" ' einschließlich des Schwimmbadbesitzers (S. 284). Das Konzert eines kommunistischen Sängers sei verboten worden, doch ein Busfahrer, der seine Fahrgäste erst an der Endhaltestelle aussteigen ließ und dann einen Privatausflug mit dem Bus machte, sei nicht entlassen, sondern zum Nationalhelden gekürt worden. Das sei amerikanische Freiheit.Als unerträglich empfand Beauvoir die Kriegshetze gegen die UdSSR. Einhellig propagierten die Medien einen Präventionskrieg. Das Magazin Life erklärte sogar, "die Welt befinde sich bereits im Krieg" ' und Beauvoir faßte die logischen Konsequenzen daraus zusammen: Man dürfe Waffen gebrauchen, man dürfe "außergewöhnliche Maßnahmen" treffen, "die Außenpolitik darf in die Innenpolitik eingreifen", etwa durch Gesetze gegen die Arbeiter, der Kampf gegen die Kommunisten werde "eine nationale Pflicht", Europa sei "ein Schlachtfeld, und jede Intervention ist gestattet. Man spricht von Europa wie von einem kläglichen, aber unfügsamen Vasallen ' und besonders Frankreich gilt als ein sehr ungehorsames Kind." Nicht einmal mehr der Schein der Demokratie werde aufrechterhalten; stattdessen regiere die Willkür (S. 45).Präsident Truman bereitete damals "einen dem Kongreß zu unterbreitenden Gesetzestext vor, nach dem jeder, der als illoyal beurteilt wird, aus dem Beamtenverhältnis zu entfernen ist. Selbstverständlich sind damit die Kommunisten gemeint, und mit ihnen alle Linksliberalen" (S. 142).Intellektuelle hätten es schwer in diesem Land und würden leiden. Texte würden zu einer Art Gemüse degradiert oder wie Baumwolle verkauft: "Man sagt: ich hätte gern 2500 Worte; wir zahlen soundsoviel Dollar für 1500 Worte. ['] Hier handelt es sich darum, ein stupides Publikum über die fundamentale Leere der Seiten hinwegzutäuschen, die man ihm präsentiert. Diese Stupidität ' ist hier oberstes Gesetz" (S. 46). Man stoße auf Abwehr, gleichgültig, ob man etwas Bekanntes oder Neues schreibe, denn ersteres sei "bereits durchgekaut", letzteres sei uninteressant (S. 47).Schon den Studenten werde die Intellektualität ausgetrieben: Wer sich am wenigsten für die Sache interessiere, bekomme die beste Ausbildung, im Mittelpunkt des Studiums stünde die Geselligkeit der Clubs, am angesehensten sei der Mittelweg zwischen Versagen und Streberei. Stipendiaten, die für ihre unbedarften Kommilitonen einsprangen, verlangten mehr Geld für mittelmäßige als für gute Hausarbeiten, da das Verfassen ersterer schwieriger sei.Die Philosophie führte ein Aschenputteldasein, Ergebnisse zählten mehr als Beweise. Die Resignation der Studenten machte nicht einmal vor dem Krieg halt, da keiner als Kommunist gelten wollte. Auch Professoren waren aus Angst vor Entlassung vorsichtig.Es gab eine "Liga zur Unterdrückung des Lasters", d.h. wenn ein Autor das Schamgefühl verletzte, konnte man ihm den Prozeß machen. "Gewinnt die Liga, dann wird die Sache bedenklich: über das inkriminierte Werk urteilt ein Gericht zweiter Instanz, das das Buch verbieten kann; verliert sie, was oft vorkommt, dann ist das eine gute, zusätzliche Reklame für das Werk" (S. 269).Die Schwesterschaften an den Colleges wurden teilweise abgeschafft. "Das sind, sagen sie, stumpfsinnige Einrichtungen, und man ist nur deshalb gern Mitglied, weil gewisse andere von der Mitgliedschaft ausgeschlossen sind; es ist eine Methode; um auf billige Weise eine Überlegenheit zu erlangen; die klassischen Schikanen, denen die ersten Semester unterworfen sind, sind brutal und kindisch; nichts Positives wird in diesen Clubs geleistet, die kein anderes Ziel haben als ihre eigene Existenz und keine andere Daseinsberechtigung als Snobismus" (S. 271f).Daß die Hälfte der college girls noch Jungfrauen waren, hielt Beauvoir für gesundheitsschädlich: "die meisten dieser jungen Mädchen sind nervenkrank" (S. 273). "Mlle. T. sagt, daß diese kleinen Amerikanerinnen trotz ihrer zahlreichen und vielfältigen Erfahrungen dumme Gänschen bleiben: Frau zu werden ändert sie nicht und läßt sie auch nicht reifen ' man könnte fast sagen, es ist eine Operation, an der sie nicht beteiligt sind." Ihre Beziehungen zu Männern seien lediglich "eine Fortsetzung gewisser zweideutiger Spielereien aus der Kindheit" (S. 274).Die Kleidung der Frauen sei ein Statussymbol und diene nicht der Bequemlichkeit, sondern dem Ansehen der Firma oder der Attraktion der Männer: "Tatsächlich ist die Toilette der Europäerin weniger unterwürfig" (S. 53). Der Überfluß sei das "Grundübel des ganzen reichen Amerika: ['] Zuviel Lärm, Parfum, Hitze, zuviel falscher Luxus" (S. 119).Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen seien im allgemeinen schlecht. Sie würden einander nicht lieben, es gebe keine Freundschaft, nicht einmal Kameradschaft zwischen ihnen. Die Frauen gälten als frigide, die Männer als schlechte Liebhaber. Beide würden sich gegenseitig einschüchtern und Zuflucht in ihren Clubs suchen. Sie seien gereizt und neigten zum Streit.Noch ein Wort zur Organisation des Tourismus: Die Natur wurde bei einer Schiffahrt auf dem Mississippi quasi in Dosenform vermittelt: "Um die Wahrheit zu sagen, es gibt nicht viel zu sehen. Die Sonne, der Himmel, das Gurgeln und der Geruch des Wassers machen den Ausflug angenehm, aber der Fluß fließt zwischen Fabriken und Schuppen dahin, an denen nichts Bemerkenswertes zu sehen ist. Unerbittlich erklärt der Kapitän durch ein Mikrofon die Landschaft" (S. 220). Dasselbe gelte für die Niagara-Fälle und den Grand Canyon.Trotz der vielen Kritikpunkte fiel Beauvoir der Abschied schwer. Ihre eigene Frage nach der Ursache beantwortete sie mit den anderen Fehlern Europas: "Wir haben eine andere Art als die Amerikaner, unglücklich oder unaufrichtig zu sein ' das ist alles. Das Urteil, das ich während dieser Reise über sie abgegeben habe, entsprang niemals einem Gefühl der Überlegenheit. Ich sehe ihre Fehler und vergesse die unserigen nicht" (S. 374).

  • Lima
    2019-03-25 22:47

    "L'Amérique au jour le jour - Amerika Tag und Nacht" ist ein Reisetagebuch von besonderer Schönheit und Intensität. Simone Lucie-Ernestine-Marie-Bertrand de Beauvoir gilt als eine der Mütter der Frauenbewegung und ist eine der ersten Lehrerinnen der Philosophie in Frankreich.Vier Monate verbringt sie in den USA. Nicht zu irgendeiner Zeit, sondern bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, 1947. Amerika ist für das geschundene Europa ein Vorbild. Die Französin spaziert das erste Mal durch New York und stellt fest, dass sie zwar nicht mehr in Paris ist, aber auch noch nicht wirklich in New York angekommen:"Auf diesen Gehsteigen ist kein Platz für mich, diese fremde Welt, in die ich überraschend gefallen bin, erwartete mich nicht, sie war voll ohne mich - sie ist ohne mich voll, es ist eine Welt, in der ich nicht bin: in meiner vollkommenen Abwesenheit begreife ich es. Diese Menschenmenge, die ich streife, ich gehöre ihr nicht an; ich fühle mich allen Blicken unsichtbar. Ich habe das Inkognito eines Phantoms. Wird es mir gelingen, wieder ein lebender Mensch zu werden?"Jedenfalls wird sie sich verlieben und eine Affäre mit N.A. haben, wie sie den polnisch-stämmigen Nelson Algren diskret bezeichnet. Zwei Jahre später veröffentlicht er den Roman "Der Mann mit dem goldenen Arm".Ihr Tagebuch, das sie über diese Reise verfasst, ist zutiefst menschlich, voller Neugierde, Diskussionsfreude und Beschreibungslust. Noch heute erfährt man mehr über New York und über andere Städte und Menschen der USA aus diesen Notizen als aus den meisten modernen Reiseberichten. Fast wehmütig möchte man New York noch einmal zum ersten Mal erleben können - und vor allem das Gefühl haben, als erster Europäer in dieses Land zu kommen.Sie schreibt ganz und gar nicht abgeklärt, obgleich beinahe 40, obgleich in den USA bereits die bekannteste existentialistische Philosophin neben Sartre; obgleich sich vierzig Universitäten um ihre Auftritte reißen; und obgleich sie im Begriff steht, ihren berühmtesten Essay-Band "Le deuxième sexe" zu veröffentlichen.Sie kann sich an einem Tag (am 1. Februar) auf einer Intellektuellen-Party mit Manhattan-Cocktails voll schütten und heiß diskutieren, um am folgenden Tag wie viele Touristinnen nach ihr auf das Empire Building zu fahren, genießerisch durch die Kellergeschosse des Rockefeller Centers zu irren und sich voller Lust-Angst in die "Negerstadt" Harlem zu wagen. Allerdings beschreibt sie nicht nur, sie kommentiert auch.Angesichts ihrer philosophischen, literarischen und feministischen Werke scheint "L'Amérique au jour le jour" kaum Beachtung zu verdienen. Und doch, wäre es ihr einziges Werk, müsste man sie allein deswegen eine meisterhafte Autorin nennen.Alice Schwarzer hat in ihrem Buch "Simone de Beauvoir - Ein Lesebuch mit Bildern" (2007) den letzten Absatz des Tagebuches zitiert, in dem die Beauvoir von Europa aus über den Ozean schaut. Es ist der Tag ihrer Rückkehr, der 20. Mai 1947: "Neufundland. Shannon. Paris. In Orly bricht der Tag an. (...) Der Himmel ist verhängt. Paris scheint erstarrt, die Straßen sind leblos und grämlich, die Auslage lächerlich. Dort drüben funkelt ein ungeheurer Kontinent."Es ist verständlich, dass Schwarzer den Text kürzen musste. Aber gerade in jenem Teil, den sie ausgelassen und durch das Auslassungszeichen (...) ersetzt hat, wird Beauvoirs Stil der Einzelbeobachtung und der ganz speziellen Interpretation deutlich. Der ausgelassene Teil lautet:"Wie alt sind die Zollbeamten und wie abgenutzt sind ihre Uniformen! Offenbar sind sie nicht sonderlich stolz darauf, französische Bürger zu sein. In ihren Zügen liegt etwas, das bettelt; sie sind zu schlecht bezahlt, um einen puritanischen Respekt vor den Vorschriften zu haben. Rund um einen üppig erscheinenden Koffer führen sie ein verdächtiges Getue auf - nun ja, jeder muss zusehen, wie er sich durchbringt. Auf der traurigen Straße, die nach Paris führt, sind die Menschen schlecht gekleidet, die Frauen haben farblose, schlecht frisierte Haare, die Männer haben graue Gesichter und einen demütigen Gang. Das Gemüse auf dem Markt ist kümmerlich. An der Gare des Invalides kein Taxi. Die Reisenden am Rand des Gehsteigs werden nervös und streitsüchtig."Dann erst folgen die Bemerkungen über den verhängten Himmel, das erstarrte Paris - und den drüben funkelnden Kontinent.Wie Simone de Beauvoir 1947 ihr Leben gestaltet, wie sie reist - nicht in Begleitung von..., sondern sie reist, sie ist da, sie schreibt, sie hält Vorträge -, das nimmt ihren 700-seitigen, engzeilig gedruckten Essay "Das andere Geschlecht" durch die pure Tat vorweg. Seit zwei Jahren erst haben Frauen in Frankreich das Wahlrecht. Und bis die Académie Française eine Frau in ihre Reihen wählt, werden noch 32 Jahre vergehen.Sartre begleitet sie nicht, weil er den Freiraum nutzt, mit einer Geliebten aus New York in Paris zusammen zu sein; er soll Beauvoirs Rundreise eingefädelt haben.Er hat was verpasst.

  • J. Fromholzer
    2019-04-07 21:38

    Simone de Beauvoir bestätigt auf ihrer langen und ausführlich beschriebenen Reise durch Amerika 1947 so ziemlich alle Vorurteile, die wir Europäer in bezug auf Amerika haben. JEDOCH läßt sie sich dadurch nicht die Sicht auf die Ausnahmen verbauen. Ernüchternd beschreibt sie die amerikanische Alltagswelt in den Metropolen und auf dem Land. Sie läßt sich (temporär) begeistern, vor allem von New York. Der Leser wird hineingezogen in den Sog dieser amerikanischen Reise. Und, ja natrürlich (!) , ist froh in Europa zu leben.

  • Dr.Blauklexer
    2019-04-04 22:31

    Simone de Beauvoirs Werke zu lesen ist wie ein guter Sekt, so auch die Amerikareise, prickelnd grandios erzählt, nie süffig, aber schnell zu Kopfe steigend und führt nie zu einem Kater, allerdings zu klugen Erkenntnissen und Einsichten...keine lebende Schriftstellerin kann ihr das Wasser reichen...

  • Metalporcus
    2019-03-25 20:41

    Eine glänzende, intime Reportage über das geistige Amerika. Eine Reise durch den gewaltigen Kontinent kreuz und quer, im Pullmann, Im Greyhound, im Flugzeug, im Auto, hat die berühmte französische Autorin Simone de Beauvoir gerade mit der Schicht des amerikanischen Volkes ins Gespräch und in Verbindung gebracht, von der wir wenig hören, nämlich mit der amerikanischen Intelligenz....